Predigt und Meditation der Fernsehmesse vom 14.6.2009
Predigt und Meditationstext der ZDF-Fernsehmesse über 2 Kor 5,6-11
Liebe Schwestern und Brüder,
wenn ein Mensch auf der Suche nach einer spirituellen Grundhaltung ist, wie er sein Leben gestalten kann, wird er sicher mehr als überrascht sein, wenn man ihm als christliche Grundhaltung eine „Trotzhaltung” empfehlen würde.
„Trotzhaltung”, die kennen wir bei kleinen Kindern, die nicht das tun wollen, was man ihnen aufgetragen hat, wir kennen sie auch bei Erwachsenen, die – vielleicht weil sie sich gekränkt oder übergangen fühlen nun das Gegenteil von dem tun, was von ihnen erwartet wird oder sich ganz in sich zurückziehen.
Eine Haltung, die man eher nicht mit christlicher Spiritualität in Verbindung bringt.
Und doch ist es die Haltung, zu der Paulus die Gemeinde in Korinth auffordert:
Auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn sind
Auch wenn wir wissen, dass wir in der Fremde leben
- wir sind zuversichtlich! oder wie es wörtlich heißt: wir sind mutig!
„Fern vom Herrn und in der Fremde”: wir müssen diesen Ausdruck für uns heute übersetzen. Die Christen in Korinth erfuhren ihr Leben als ein Leben „in der Fremde” weil sie das irdische Leben um sie herum oft als Gegensatz zum Leben aus dem Glauben wahrnahmen. In einer Stadt, die wir heute multikulturell nennen würden, waren sie eine verschwindende Minderheit; und auch innerhalb ihrer Gemeinde hatten sie mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen, die wir heute als soziale Spannungen bezeichnen würden.
Sie hatten die Erfahrung gemacht, dass sich allein durch die Annahme des neuen Glaubens und die Taufe nicht alle Probleme wie von selbst gelöst hatten, und dass ihre Schwächen und Fehler nicht auf wundersame Weise verschwunden waren.
Was sich aber verändert hatte, war ihr Anspruch, in Gemeinschaft mit Jesus Christus zu leben und das ließ sie die Konflikte deutlich spüren.
„Fern vom Herrn und in der Fremde”: Menschen erfahren heute, dass sie und die Arbeit, die sie jahrelang getan haben, nicht mehr gebraucht werden. Dass man sie freisetzt oder in den Vorruhestand schickt.
Die ältere Generation tut sich manchmal schwer mit der jüngeren und den ein oder anderen ist auch schon das Gefühl überkommen, nicht mehr so richtig in diese Zeit zu passen.
Es gibt sie, die Erfahrung der Entfremdung. Menschen spüren, dass ihr Inneres, das was sie fühlen und was sie bewegt – und die Wirklichkeit auseinanderklaffen.
Das gilt auch für die Erfahrung, dass wir als Christen unseren eigenen Ansprüchen nicht immer gerecht werden: dass es Seiten an uns gibt, die uns fremd sind. Dass wir nicht so erfolgreich sind, wie wir uns wünschen; nicht so zufrieden, wie wir gerne wären – und vielleicht auch nicht so fehlerlos, wie wir uns manchmal geben.
Denn die Nachfolge Jesu stellt Ansprüche. Auch das erfahren Menschen heute. Sie erfordert manchmal unbequeme Entscheidungen. Zum Beispiel dann, wenn sie uns vor die Frage stellt, ob wir an erster Stelle unseren eigenen Interessen folgen oder für unseren Nächsten da sind.
Sie erfordert manchmal klare Stellungnahmen gegen heute populäre Ansichten, zum Beispiel dann, wenn es darum geht, die Würde des Menschen zu verteidigen.
Wie die Gemeinde von Korinth müssen auch wir uns als Christen mit der Frage beschäftigen, aus welcher Haltung heraus wir heute unseren Glauben leben können, wie wir unsere Probleme angehen und vor allem – was wir dem Gegenwind, dem wir ausgesetzt sind entgegenstellen.
Lassen wir uns entmutigen und ziehen uns zurück? In die Einsamkeit oder das Bedauern? Beweinen wir die Gegenwart und verklären wir die Vergangenheit?
Machen wir alles mit und weichen unsere Ansprüche soweit auf, dass nichts mehr von ihnen übrig bleibt? Geben wir uns also mit den Zuständen zufrieden – mit dem, was uns in unserem Leben fremd ist – und mit einer Welt, in der noch vieles im Argen liegt?
Vor diese Frage gestellt, hat Paulus uns heute etwas zu sagen:
Auch wenn das alles so ist: das Gefühl der Fremdheit, die manchmal schweren Wege der Nachfolge, die Ansprüche, die an uns gestellt werden.
Wir sind zuversichtlich; wir sind mutig.
So, als ob es das alles nicht gäbe, gleichermaßen eine Form von Widerstand, die Christen zu leisten haben. Eine Trotzhaltung eben.
Die Haltung dessen, der einfach nicht aufgibt, sondern weiterhin am Glauben festhält, weiterhin hofft, weiterhin sein Leben auf Gott hin ausrichtet.
Das Wort des Paulus ist ein Apell- aber es ist auch ein Wort der Bestärkung. Denn diese Haltung findet ihren Grund darin, dass wir als Glaubende vertrauen dürfen, dass dieses irdische Leben nicht alles ist, dass wir – wie Paulus sich ausdrückt – solange wir in diesem Leib zu Hause sind eben noch nicht am Ziel unseres Daseins angekommen sind, noch nicht daheim sind – bei Gott.
Das bedeutet nicht, dass der Christ sich vertrösten lässt, sondern dass er mehr vom Leben erwarten darf, als das, was es ihm in dieser Welt in einer bestimmten Zeitspanne bietet.
Wir sind zuversichtlich, weil wir glauben, dass es Leben selbst über den Tod hinaus gibt.
Dieser Glaube kann uns dazu befähigen, auch dann nicht aufzugeben, wenn unser Leben nicht so verläuft, wie wir uns es vorstellen. Er kann uns den Mut schenken, gegen Widerstände anzugehen und die Ausdauer auch in schwierigen Situationen nicht aufzugeben.
Wir sind immer zuversichtlich,
auch wenn wir fern vom Herrn in der Fremde leben,
auch wenn uns unsere Ängste quälen
wenn die Zukunft nicht in unserer Hand liegt
wenn wir nur noch vertrauen können.
Wir sind zuversichtlich.
fr. Philipp J. Wagner
Zuversichtlich sind wir,
auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben
wenn uns gesagt wird, dass wir nicht mehr dazugehören
wenn wir uns unserer Einsamkeit bewusst werden
Zuversichtlich sind wir,
auch wenn die Freunde sich abgewandt haben
wenn die Nachbarn schlecht über uns reden
wenn man über uns lächelt
Zuversichtlich sind wir,
auch wenn Ängste uns quälen
wenn Krankheiten uns zu schaffen machen
wenn die Kräfte nachlassen
Zuversichtlich sind wir
Auch wenn wir nicht alles verstehen
Wenn die Zukunft nicht in unserer Hand liegt
Wenn wir nur noch vertrauen können
Zuversichtlich sind wir
Dass unsere Augen geöffnet werden
Dass wir vom Glauben zum Schauen gelangen
Dass wir mit Gott unseren Weg gehen
Dass wir zu Hause sind in Gott
fr. Philipp J. Wagner OP

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