Paulus-Highlights: “…hätte aber die Liebe nicht…”

Fastenpredigtreihe 2009

Paulus-Highlights: “…hätte aber die Liebe nicht…”

17.03.2009

Liebe Schwestern und Brüder, kaum eine Hochzeit ohne diesen Text aus dem
ersten Korintherbrief. Er ist der Klassiker unter den Lesungstexten – wo man nicht
einen Abschnitt aus dem “kleinen Prinzen” von Antoine de Saint Exupery hört,
dort kommt der Apostel Paulus zu Wort mit seinem Hohenlied der Liebe. In der Feier
höchster Zweisamkeit, in der Feier, in der es um den gemeinsamen Lebensweg
von Menschen geht, um deren liebevolle, respektvolle Zukunft – dort wird dieser
Text gelesen. Und er ist dafür ja auch sehr passend.

Gut, dass aus dem 13. und nicht aus dem ersten Kapitel des Korintherbriefes gelesen
wird, denn sonst würde der festlichen Versammlung und den Brautleuten folgendes
gesagt: “Ich ermahne euch: duldet keine Spaltungen! Es wurde mir nämlich
berichtet, dass es Zank und Streit unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder
von euch etwas anderes sagt.”

Das wäre wohl kaum ein passender Text zur Stunde der Trauung. Und doch, liebe
Schwestern und Brüder, gehören die beiden Texte eng zusammen. Sie finden
sich in ein und demselben Brief des Apostels Paulus – und man tut gut daran, auch
die ersten Kapitel zu bedenken, um das Hohelied der Liebe richtig zu verstehen.

Denn: Dieses Hohelied der Liebe hat seinen Ort eben nicht in der trauten Zweisamkeit
und im friedlichen Miteinander von Menschen. Im Gegenteil: dieser Text, das Hohelied
der Liebe, wurde geschrieben in eine Situation tiefer Spaltung und harter Auseinandersetzungen
hinein. Man bekämpfte sich fast bis aufs Blut – dort in Korinth, bei den
frühen Christen. Die reiche, pulsierende, multi-kulturelle Stadt Korinth
des ersten Jahrhunderts bildet den Schauplatz für Streit, Spaltung, Eifersucht
und üble Nachrede. Wenn wir meinen, dass die Christen der ersten Stunde sanfter
gewesen wären, idealistischer, friedlicher – wie es doch der Lehre Jesu entsprechen
sollte – so werden wir enttäuscht:

Wir finden dort alles, was Spaltung und Trennung bewirkt: Schwerwiegendes und
Leichtes, eher persönliche Abneigung, soziale Spannungen.

Wir sehen z.B., dass es in der Gemeinde verschiedene Fanclubs gibt, Sympathiegruppen:
“Jeder von euch sagt etwas anderes: Ich halte zu Paulus, ich zu Apollos, ich zu
Kephas” – und diese Gruppen stehen gegeneinander, grenzen sich voneinander ab
und spielen sich gegeneinander aus.

Wir sehen trotz Taufe und christlichem Bekenntnis noch falsche Anhänglichkeiten
an heidnische Bräuche – man hatte sich eben noch nicht ganz für das
Christentum entschieden.

Paulus beklagt besonders die Unsitte, wegen aller möglichen Streitfragen
die Gerichte anzurufen – weltliche, heidnische Gerichte. Er schreibt: “Gibt es
unter euch wirklich keinen, der die Gabe hat, zwischen Brüdern zu schlichten?
Stattdessen zieht ein Bruder den anderen vor Gericht und zwar vor Ungläubige.
Ist es nicht überhaupt schon ein Versagen, dass ihr miteinander Prozess führt?”
- Angesichts der Prozessflut heutiger Zeit hätte Paulus sich vielleicht noch
schärfer ausgedrückt.

Und schließlich – das mag genügen – kommt im Brief des Paulus auch
das immer beliebte Thema Sex zur Sprache, Unzucht, die Paulus beklagt, wenn er
schreibt: “Übrigens hört man von Unzucht unter euch, und zwar von Unzucht,
wie sie nicht einmal unter den Heiden vorkommt, dass nämlich einer mit der
Frau seines Vaters lebt.” Also: Mit seiner Stiefmutter ein Verhältnis lebt.

Wir sehen also: In der Gemeinde von Korinth geht es alles andere als friedlich
zu. Selbst die Feier des Herrenmahles geschieht so, dass sie nicht die Einheit
fördert, sondern zur Spaltung führt und ausgrenzt. All diese Dinge,
all diese Vorkommnisse werden von Paulus beklagt. Sie zerrütten die Gemeinde
und sie verdunkeln das Glaubenszeugnis der Christen.

Wir sehen bei den Christen in Korinth falsches Handeln, wir sehen zutiefst unterschiedliche
Meinungen und Ansichten. Und wir hören aus dem Brief des Paulus die Frage,
wie denn nun mit der Tatsache umzugehen ist, dass Christentum nicht die große
Harmonie und Einigkeit bedeutet, geschweige denn fehlerloses Verhalten.

Genau hier, liebe Schwestern und Brüder, hat das Thema der Liebe seinen Platz:
im Konflikt, im Fehlverhalten, im schmerzhaften, anstrengenden Ringen um ein Miteinander.
Konflikt, Schuld, miteinander auskommen, Gegensätze ertragen – darin haben
auch wir Erfahrungen gesammelt – und so wissen wir darum, dass uns dabei Gefühlsduselei
nicht weiterbringt. Liebe in Rosa-Wölkchen-Manier, als Bauchgefühl,
als Schlagertext – damit sind diese Herausforderungen des Lebens nicht zu bewältigen.
Vielmehr gilt es sehr ernst zu nehmen, was Hape Kerkeling in einem Sketch auf
den Punkt bringt: “Liebe ist Arbeit, Arbeit, Arbeit!”

Zunächst eine wichtige Klärung: Mir scheint, dass Paulus in der Gemeinde
von Korinth zwei große Bereiche der Auseinandersetzung anspricht, die es
aber zu unterscheiden gilt. Einmal die Erfahrung, dass es unterschiedliche Meinungen
gibt, unterschiedliche Aufgaben, schlicht verschiedene Menschen.

Der zweite Bereich ist die Feststellung, dass es Menschen gibt, die falsch handeln,
die andere verletzen, die sündigen.

Ich glaube, dass Paulus hier unterscheidet – und diese Unterscheidung gilt es
unbedingt zu beachten. Denn würde man diese beiden Bereich gleichsetzen,
dann würde aus denen, die anders sind, die andere Aufgaben haben, die eine
andere Lebensweise führen gleich Menschen, die sündigen, die sich von
Gott abgewandt haben. Der Andere ist wegen seines Anders-Seins böse – das
wäre die Konsequenz. Und wir spüren schon: Das kann nicht sein. Das
ist ein Fundamentalismus, der ideologisch verblendet ist.

Und auf der andern Seite: Wenn das Böse nicht benannt wird, wenn Lüge
nicht auch Lüge genannt wird, sondern wenn auch die seltsamsten Handlungen
und Ansichten als “bereichernde Vielfalt” verkauft werden – dann sagt uns alleine
schon die Geschichte unseres Landes, dass das ins Unglück führt.

So ist die Unterscheidung, die Paulus macht, sehr wichtig und beachtenswert, um
mit dem anderen richtig umzugehen.

Liebe Schwestern und Brüder, schauen wir zuerst auf die Erfahrung, dass der
andere, dem ich begegne, der in meiner Nachbarschaft wohnt oder den ich von der
Arbeit her kenne, anders ist als ich. Das gilt auch für die Menschen, mit
denen ich ganz vertraut lebe: die Kinder, die Eltern, den Lebenspartner. So nah
sie mir auch stehen und so vertraut ich mit ihnen bin: sie sind andere, eigene
Persönlichkeiten.

Und genau hier liegt, so glaube ich, eine der Hauptquellen für Konflikt und
Auseinandersetzung. Sie kommen doch in vielen Fällen dadurch zustande, dass
es mich wurmt und stört, dass der Andere anders ist:

  • dass der andere eine abweichende Meinung hat, womöglich noch mit besseren
    Argumenten;
  • die Eigenarten der Anderen, ihre Ecken und Kanten: vielleicht etwas langsamer
    zu sein – oder immer einen Schritt voraus, so dass ich nicht mehr mitkomme;
    zu ordentlich – oder zu unordentlich; der eine ist gesellig – der andere nicht.
    Beispiele lassen sich sicher noch massig anführen.
  • In diesen Bereich der Unterschiede gehört auch der Neid und die Missgunst:
    Die einen haben etwas mehr als die anderen – und schon kommt der neidische
    Blick; der eine kann mehr als der andere – und schon kratzt das Minderwertigkeitsgefühl;
    schlicht: ich möchte so sein wie der andere: so schlank, so erfolgreich,
    so beliebt, so bedeutsam und wichtig, und, und, und.

Wie viele Konflikte, Streitigkeiten im Kleinen und im Großen entwickeln
sich aus der Tatsache, dass wir unterschiedlich sind. Das klingt so selbstverständlich
- aber wenn wir unseren Alltag mal daraufhin abklopfen, wo uns diese Unterschiedlichkeit
zum Negativen verleitet: zum bösen Wort, zum Schimpfen und Nörgeln,
zum ständigen Vorwurf, zum Lästern, zum Vorurteil – dann sehen wir,
wie weit diese simple Tatsache in unseren Alltagsbereich hineinreicht.

Und genau hier hat die Liebe ihren Ort – wie beim Apostel Paulus. Hier hat die
Liebe als Grundhaltung dem anderen gegenüber ihren Ort. Liebe ist die Gabe,
die Unterschiedlichkeiten zwischen den Menschen nicht als Bedrohung, nicht als
Gefahr zu sehen, sondern erstmal als Bereicherung, oder besser: als der normale,
schöpferische Ausdruck des Willens Gottes. Gott selber, so glauben wir ja,
ist dreifaltig, hat als der eine doch ganz unterschiedliche Ausdrucksformen seiner
selbst. Er ist Beziehung, er ist Vielfalt. Und wir sprechen falsch von Gott, wenn
wir ihn auf eine Person (wie wir es ausdrücken) reduzieren.

Und so ist es eben auch zwischen uns Menschen: Wir sind wesenhaft bestimmt durch
Unterschiedlichkeit und Beziehung. Das positiv zu sehen, den anderen in seiner
Unterschiedlichkeit positiv zu sehen, als Geschenk, als Schöpfungsvielfalt
- das ist Liebe. Paulus bringt es meiner Meinung nach sehr schön mit dem
Bild von dem einen Leib mit den vielen unterschiedlichen Gliedern auf den Punkt
- Pater Markus hat den Text am vergangenen Dienstag genannt.

Eine andere Textstelle macht es ebenfalls deutlich. Paulus schreibt “Jedem aber
wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Dem
einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem anderen durch
den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten im gleichen
Geist Glaubenskraft, einem anderen – immer in dem einen Geist – die Gabe, Krankheiten
zu heilen, einem anderen Wunderkräfte usw. Das alles bewirkt ein und derselbe
Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.” Unterschiedliche
Gaben, die ich nicht als Gefahr und Bedrohung sehe, sondern als Ergänzung,
als Bereicherung, als gegenseitiges Beschenken, so wie Gott es will.

Liebe ist hier mehr als nur Unterschiedlichkeit wahrzunehmen und irgendwie zu
akzeptieren. Liebe meint Wertschätzung, meint wirklich den dankbaren, positiven,
vielleicht sogar bewundernden Blick auf den Nächsten. Nicht nur auf das,
was einer kann, nein, auf seine Persönlichkeit an sich, auf das Geschenk
seiner Begegnung, seine anderen Ansichten, die Herausforderungen, die er an mich
stellt.

Das ist eine Haltung, die uns auch in der Kirche gut tun würde. Auch hier
gibt es unterschiedliche Ausdrucksformen des Glaubens, auch hier gibt es unterschiedliche
Ansichten und Überzeugungen, Überlegungen und Spiritualitätsformen.
Wie schnell ist dabei doch der Unterton der, dass die Formen der anderen nicht
richtig seien, nicht fromm genug, nicht kirchlich genug auf der einen Seite -
übertrieben und frömmelnd auf der anderen Seite. Warum nur dieser Drang
und dieser Wunsch zur Uniformität? Warum haben wir nicht den weiten und wertschätzenden
Blick innerhalb der Kirche, verschiedene Formen zu akzeptieren und miteinander
zu feiern. Wertschätzung kann sich dabei gerade darin ausdrücken, dass
man anfragt, dass man verstehen will, was dieses oder jenes soll und zum Ausdruck
bringt. Aber für Grabenkämpfe zwischen konservativ und progressiv, zwischen
alt und jung – dafür besteht doch eigentlich kein Anlass.

Von hier aus – von der Wertschätzung der anderen Persönlichkeit – führt
die Liebe dazu, das Wohl des anderen zu wollen. Es muss richtig betont werden:
Liebe meint, das Wohl des anderen zu wollen – und eben nicht ausschließlich
und zuerst mein eigenes. In der Liebe der Eltern wird es deutlich: Sie lieben
ihre Tochter oder ihren Sohn – und geben viel, viel dafür, dass sich die
Kinder zu einer selbständigen Persönlichkeit entwickeln. Sie wünschen
sich – wenn es Liebe ist – dass sich ihre Kinder entfalten und entwickeln, dass
sie selbständig und frei sind, dass sie natürlich versorgt sind mit
den Notwendigkeiten des Lebens.

Wir kennen das Gegenteil, die Karikatur der Elternliebe: wo Eltern sich letztlich
im Leben der Kinder selber verwirklichen wollen. Wo es bei den schulischen Leistungen
nicht um das Wohl des Kindes, sondern um das Ansehen der Eltern geht. Wo die Berufswahl
vorgegeben wird – von der Erwartung vorgegeben wird, gefälligst das weiterzuführen,
was dem Vater oder der Mutter so viel bedeutet. Da ist letztlich nicht das Wohl
des Kindes im Blick (das Wohl des anderen), sondern das eigene.

Wir merken schon, wie schwer es ist, eine liebende Haltung zu erlernen: das Wohl
des anderen zu wollen und zu fördern – und dafür sogar dann und wann
eigene Wünsche und Hoffnungen hintan zu stellen. Das ist wirklich Arbeit
- innere Arbeit, die nur mit der Gnade Gottes geht.

Und was uns bei uns wichtigen Menschen vielleicht noch halbwegs leicht fällt:
Liebe, wie Paulus sie der Gemeinde vorstellt, betrifft auch Menschen, die fern
stehen, die wir kaum kennen, die wir vielleicht sogar nicht sehr schätzen.
“Ich will, dass es dir gut geht! Ich will, dass Du Deine von Gott geschenkte und
gewollte Persönlichkeit entfaltest” – diese Haltung zu leben – in der Nachbarschaft,
im Orden, am Arbeitsplatz – das ist wirklich eine Kunst und es braucht immer wieder
die innere Überprüfung und Stärkung.

Doch auch hier hat sehr praktische Konsequenzen, die wir, wie ich meine, konkret
spüren in den Herausforderungen unserer Zeit: in der Frage der sozialen Gerechtigkeit
und in der Frage der Umweltbelastungen. Wir reduzieren die Frage nur auf das Problem
der Bezahlbarkeit. Ich mache das, was technisch geht. Ich mache das, was finanziell
möglich ist. Und dabei darf ich dann auf keinen Fall schlechter abschneiden
als die anderen. Der andere nimmt ja nur. Der bekommt vom Staat ja alles hinterher
geschmissen – das ist ungerecht!

All das sind ja Gedanken und Gefühle, die aufkommen. Stellen wir uns vor,
diese schwierigen gesellschaftlichen Fragen wären vom Geist der Liebe durchdrungen:
Ich will, dass es dem anderen gut geht. Ich will, dass der andere sich entfalten
kann und dass er menschenwürdig lebt: der Arbeitslose, der alte Mensch, die
Kinder, die nachfolgende Generation. Und das will ich nicht nur hier in der Nachbarschaft,
sondern das will ich für unser Land, das will ich womöglich für
die ganze Welt.

Das, liebe Schwestern und Brüder, wäre in der Tat eine innere Revolution.
Manchmal hat man das Gefühl, dass man in den Fachdiskussionen zum Thema zwar
die Sprache der Menschen und Engel spricht, dass man prophetisch redet, dass man
Erkenntnis hat und auch Habe verschenkt – aber dass die Liebe fehlt: die innere
Überzeugung und der innere Wunsch, dass es den anderen nützt – und so
scheint es uns manchmal hohl und sinnlos, wie viel Getöse ohne Inhalt.

Für Paulus ist die Liebe der innere Schlüssel dafür, um mit Konflikten,
um mit Unterschiedlichkeiten umzugehen. Und sie ist auch der Schlüssel dafür,
um mit Schuld umzugehen. Wie am Anfang gesagt ist das ja der zweite Bereich, den
es zu bedenken gilt: die Schuld, das Sündhafte, die massive Verfehlung -
wo es ja nicht nur darum geht, dass jemand anders ist als ich, sondern dass der
andere Böses getan hat, mir oder anderen.

  • Böses Verhalten steht uns ja in den Nachrichten gestern vor Augen:
    der Prozess gegen Herrn Fritzl in St. Pölten, der Amokläufer in
    Winnenden. Wie hat man damit umzugehen?
  • Andere Verbrechen, böse Taten, Betrügereien, Niedermachen anderer,
    Bloßstellen – eine endlose Liste wäre möglich.
  • Wir alle machen doch die Erfahrung, dass wir anderen Böses antun -
    und dass wir selber auch Böses erleiden. Wie viele Menschen schleppen
    Verletzungen mit sich herum – körperlich und noch häufiger seelisch.

Liebe meint wohl kaum, darüber wegzusehen. Das wäre nicht Liebe, das
wäre Bequemlichkeit. Das wäre letztlich Desinteresse am Opfer und am
Täter – also alles andere als Liebe, die sich ja gerade dadurch kennzeichnet,
dass man den anderen ernst nimmt und ihn als eigene Persönlichkeit anerkennt.
Liebe ist das Herzensanliegen, dass der andere das Heil findet – und das gilt
eben auch in der Situation der Schuld. Ich will, dass der andere das Heil findet:
Opfer und Täter.

Ich glaube hier gilt das, was Paulus so ausdrückt: “Die Liebe handelt nicht
ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen,
trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht,
sondern freut sich an der Wahrheit.”

Die Wahrheit wird betont und nicht nachtragend zu sein. Was meint das? Wo die
Liebe unsere innere Haltung dem Opfer und dem Täter gegenüber bestimmt,
da ist sicher kein Platz für Schadenfreude, kein Platz für Rache oder
für den Sündenbock, den man schnell sucht. Das wäre unwahrhaftig.

Liebe nimmt die Persönlichkeit des anderen ernst: den Schmerz und das Leid
des Opfers, die Tat und die Schuld des Täters. Liebe versucht dabei den anderen
zu verstehen – nicht als billige Entschuldigung, sondern als Zeichen dafür,
dass man ihn achtet. Das ist gegen die Sensation unserer Medienwelt gesetzt, die
zwar die Leiden der Opfer ergötzend ausbreitet, aber letztlich dabei nur
den Effekt sucht – nicht die Hilfe, nicht das Mittragen und Mitgehen auch über
einen längeren Zeitraum. Es ist gegen das Image der Stärke gesetzt,
wo es keine Schwäche gibt, kein Scheitern und Brechen, sondern wo man stark
und selbstbewusst die Tiefschläge des Lebens bewältigt. Es ist auch
gegen das Stammtischgerede gesetzt, das jeden Täter zum Monster stilisiert,
aber seinen eigenen Werdegang vergisst – einen Werdegang, der oft auch von Gewalt,
Missbrauch, Verachtung – schlicht Lieblosigkeit gekennzeichnet ist.

Wirkliches Verstehen-Wollen, wirkliche Achtung vor der Wahrheit – und als solche
wird die Liebe von Paulus gekennzeichnet – geht mit der Lebensgeschichte der Menschen
mit, auch im Fall der Schuld und der Sünde.

Und nur so kann ich auch zur Größe und Tiefe der Vergebung finden -
Vergebung, die wirklich ernst zu nehmen ist, die wirklich einen Neuanfang ermöglicht
mit der gebrochenen Lebensgeschichte. “Die Liebe trägt das Böse nicht
nach” – so schreibt Paulus. Die Liebe schiebt den anderen nicht in eine Schublade,
presst ihn nicht in ein fertiges Schema, sondern ermöglicht Neuanfang, also
Entfaltung, Entwicklung in Freiheit. Liebe will das, will diese Entfaltung – und
sie ist deshalb die wichtige Kraft, die wichtige Haltung im Leben von Menschen,
die letztlich Schuld und Sünde überwindet.

Liebe Schwestern und Brüder, ganz verschiedene Aspekte der Liebe haben wir
an diesem Abend bedacht. Sie ist für Paulus die Grundhaltung des Christen,
die Haltung des Herzens, in der alle Handlungen wurzeln. Von der Liebe her bekommen
sie ihre Richtung, ihre Kraft und ihre Ausdauer. “Ich will, dass der andere das
Heil findet” – das bringt diese Grundhaltung zum Ausdruck.

Sie ist Ausdruck des Wesens Gottes, der die Schöpfung ins Leben, in die Vielfalt,
in die Entwicklung ruft; der Menschen beruft, damit sie das Heil finden; der vergibt,
damit ein Neuanfang möglich ist. Liebe ist Ausdruck des Wesens Gottes in
dieser Welt.

So findet sich an ihr nichts Einfaches und Leichtes, sondern es ist ein wirkliches
Erlernen und Arbeiten an sich, damit diese liebende Haltung das Herz und damit
das Leben bestimmt. Es braucht immer wieder das Gebet, die Eucharistie, die Schriftlesung,
um in das Geheimnis Gottes hineinzufinden, es tiefer zu verstehen, dass es eben
genau diese Liebe zum Ausdruck bringt:

wenn der allmächtige Gott sich ganz an sein Volk bindet, an seine Geschichte
und seine Menschen;

dass es Ausdruck der Liebe ist, wenn Gott in Christus Mensch wird;

dass es Ausdruck der Liebe ist, wenn Christus sein Leben für euch, für
uns gibt – in der Eucharistie feiern wir das immer wieder, dieses tiefe Geheimnis
der liebenden Hingabe.

Es braucht die Demut des Schuldbekenntnisses, des Nachdenkens über das eigene
Leben, welches einem – zumal heute – immer viele Möglichkeiten lässt.
Darin den Weg der Liebe zu finden, ist nicht leicht und braucht einen sehr wachen
Blick.

Eine liebende Haltung ist Arbeit – und wir erleben oft genug, dass es uns nicht
gelingt, diese Liebe auch zu leben. Doch weil Gott größer ist als die
Menschen, dürfen wir daran glauben und darauf hoffen, dass auch seine Liebe
größer ist, größer als alles, was wir tun, was wir versuchen
- größer auch als unser Scheitern. Ein Hohes Lied von Gottes Liebe,
das über unser Leben gesungen wird.

Amen.