| Fastenpredigtreihe 2009
Paulus-Highlights: “…Ihr habt Christus angezogen!”
10.03.2009
Lesung (Gal 3,26-28):
Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes/Töchter Gottes in Christus Jesus.
Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.
Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht
Mann und Frau;
denn ihr alle seid “einer” in Christus Jesus.
Liebe Schwestern und Brüder,
“Jetzt habe ich mir mein schönstes Kleid angezogen! Jetzt
habe ich mir meinen kostbarsten Schmuck angelegt! Jetzt habe ich
mich richtig schön gemacht! – Und Du siehst es nicht. Du siehst es
nicht!!!”
So mögen manche Frauen schon einmal mit Kopfschütteln über
ihre Männer denken, oder ihre Freunde, wenn sie sich gerade schön
gemacht haben und das überhaupt nicht wahrgenommen wird. Das ist
irgendwie enttäuschend.
“Gefällt Dir mein neues Kleid?!” – “Wie? – Dein Kleid? Ach so! -
Ja, ja, das ist ganz in Ordnung.”
So eine fehlende Wahrnehmung und Wertschätzung in der Situation,
da sich jemand besonders kleidet – mir kommt dazu die Überschrift
des heutigen Predigtabends in den Sinn:
“Ihr habt Christus angezogen!” heißt es da.
“Ihr habt euch bekleidet mit Christus.” “Also, mit Gott selbst!”, könnte
man ergänzen. “Ihr habt im Grunde Euer schönstes Kleid,
Euren schönsten Schmuck angelegt”, so sagt Paulus den Christen in
Galatien, aber auch uns. “Und doch …”, so könnte man ergänzen:
“… wird das eigentlich von Euch wahrgenommen? Habt Ihr dieses wunderschöne
Gewand überhaupt wahrgenommen?
“Wie? Wo”, mag man fragen, “habe ich Christus angezogen?!”
Manche Worte sind bei Paulus ja nicht leicht zu verstehen. Und dieses
Wort gehört sicher dazu.
“Ihr habt Christus angezogen!” Beim ersten Hören klingt das ja durchaus
sympathisch. Aber, wenn man tiefer nachfragt: “Ja, was heißt das
denn eigentlich?”, da mögen wir schnell an unsere Grenzen kommen.
Wenn sich eine Freundin oder Frau schön macht und fragt: “Gefalle
ich dir?” – da mag man ja hoffentlich noch wahrnehmen und würdigen,
welcher Glanz da nun aufstrahlt. Aber wie soll man das wahrnehmen, wenn
jemand Christus angezogen hat? Einen Mantel kann ich anziehen, und manch
andere Kleidungsstücke. Aber wie Christus?
Das ist sicher ein Bild. Aber wie soll ich dieses Bild verstehen?
Ich trage ihn irgendwie mit mir herum. Vielleicht wie eine zweite Haut?!
Na ja, zumindest geht es wohl darum, dass Christus in meinem Leben gegenwärtig
sein soll. Und zwar, so ahnt man, dass es nicht nur darum geht, dass er
mein Tun und Denken prägt, sondern dass er selbst gegenwärtig
ist. Ihn selbst, nicht irgendwie “etwas” von ihm, haben wir angezogen.
Sitzt er mir gar im Nacken? Engt er mich ein?
Das wohl nicht. Denn Jesus ist ja keiner der uns auf die Pelle rückt
wie ein Dämon auf mittelalterlichen Bildern. Hier geht es wohl eher
um ein Ankleiden, das ganz frei ist und bei dem wir ganz frei sind, ihn
auch wieder abzulegen.
“Christus anziehen”.
Bei Paulus finden sich immer wieder solche Ausdrucksweisen, die Fragen
aufwerfen. Wenn wir zum Beispiel in den kurzen Text schauen, den wir gerade
eben gehört haben: Da hieß es zum Beispiel auch, dass die Gläubigen
alle “in Christus” seien. “In Christus”?! Noch so ein nicht gerade
leicht zu verstehendes Bild. Obwohl: Man könnte es vielleicht verbinden,
mit dem bisher Gesagten: In Christus? Vielleicht soll ich eingekleidet
sein in Christus. Ich soll in ihm eingehüllt sein, wie zum
Beispiel in einen Mantel, der mich umgibt und wärmt. Dann bin ich
“in” ihm.
Aber auch das ist nur ein Bild.
“In Christus” sein
Aber dieser Ausdruck “in Christus” taucht extrem häufig bei Paulus
auf. Und von daher, lassen Sie uns diesem Ausdruck nachgehen. Er wird
uns weiter führen. Tiefer führen. Denn er spielt bei Paulus
eine zentrale Rolle.
Wenn man diese Formulierung wortwörtlich nimmt, mögen manche
ja sagen: “In Jesus sein? Wie soll das gehen? Denn 1.: Jesus ist
doch tot! Wenn schon, dann kann ich mich an Jesus erinnern. Und
2.: Selbst wenn er noch leben würde, wie soll ich da “in”
ihm sein? Ganz ähnlich, wie bei der Frage: Wie soll ich in Jesus
“eingekleidet” sein?”
Und trotzdem:
Wenn man die Briefe des Paulus liest, dann sieht man, dass er diesen Ausdruck
immer und immer wieder benutzt. Kurz und knapp bringt er diese Formulierung
immer wieder. Er fordert dazu auf, dass wir “in” Christus leben
sollen (Röm 6,11), er sagt, wenn “jemand in Christus ist,
dann ist er eine neue Schöpfung” (2 Kor 5,17), ja, “in” Christus
erst haben wir ewiges Leben (Röm 6,23), und dieser Zustand,
“in” Christus zu sein, kann gefestigt werden (2 Kor 1,21). Außerdem
sind die Gläubigen “in” Christus “eins”. Ja, vorhin in der
Lesung hörten wir, dass die Gläubigen “in” ihm einen “Leib”
bilden (Röm 12,5).
Paulus sagt, dass es Geheiligte “in Christus” (1 Kor 1,2) gibt;
und dass er Mitarbeiter “in Christus” habe (Röm 16,3)
und dass es Lehrer “in Christus” (1 Kor 4,14) gibt.
Er sagt von sich, dass er die Wahrheit rede “in” Christus (Röm 9,1)
und dass er nur “in” Christus wahren Ruhm habe (1 Kor 15,31).
Es gibt Wege “in Christus” (1 Kor 4,17) und Menschen, die “in”
Christus” entschlafen sind (1 Kor 15,18).
Man könnte diese Reihe noch lange fortführen. “In Christus sein”,
das ist für Paulus offensichtlich das A und O des Lebens. Es ist
ganz sicher ein Kernthema bei ihm, auch wenn einem das nicht so gleich
bewusst werden mag, wenn man seine Texte liest. Es ist keine nebensächliche
Spitzfindigkeit- sondern hier geht es um die Grundlage des christlichen
Lebens.
Letzte Woche habe ich mit meinen Eltern telefoniert. Und denen erzählte
ich, dass ich heute Abend hier die Fastenpredigt halten werde. Und dann
fragte mich mein Vater, über was ich denn heute predigen würde.
Und dann, muss ich gestehen, stockte mir erst einmal der Atem, weil ich
gar nicht wusste, wie ich anfangen soll. Mein Vater sagte mir: “Mach´s
nicht so kompliziert!”
Hm, … also … ein bisschen sprachlos bin ich noch immer! Denn, wissen Sie,
manchmal denke ich mir:
Sind nicht andere Religionen manchmal darum zu beneiden, weil sie es relativ
einfach haben zu erklären, worauf es ankommt? Der Islam zum Beispiel:
Da ist es – jedenfalls auf den ersten Blick – so ziemlich klar, was der
Mensch zu glauben und wie er zu leben hat und worauf es ankommt.
Das macht ihn ja auch für manche attraktiv. Denn da gibt es sehr
klar umrissene Gebete, Wallfahrten und Bekenntnisse. Wenn man die erfüllt,
dann ist man ein guter Gläubiger. Das ist richtig einfach – zunächst
jedenfalls.
Bei uns Christen ist das nicht so einfach. Auch wir haben natürlich
bestimmte Gebote, Bekenntnisse und verschiedene Frömmigkeitsübungen.
Aber das Eigentliche, worauf es ankommt, ist damit noch nicht angesprochen.
Das Entscheidende nämlich, was den Kern der ganzen Geschichte ausmacht,
und weswegen es das Christentum überhaupt gibt, das liegt nämlich
tiefer: Gott beschenkt uns Christen nämlich mit etwas, was es so,
in keiner anderen Religion gibt: Er schenkt uns eine neue Tiefe der Einheit
mit ihm. Er möchte sich mit uns vereinen; und zwar nicht in der Weise,
dass wir dabei verschwinden, wie im Buddhismus zum Beispiel. Nein, er
möchte uns mit sich selbst neu beleben, so dass unsere Person erst
richtig aufblüht! Er möchte unser Leben irgendwie neu durchweben
und gewissermaßen “veredeln”, und zwar, in dem er uns an seiner
göttlichen Lebenskraft teilhaben lässt. Wir sollen teilhaben
an seinem Wesen. Und er möchte uns in diesem Sinne “in” sich hinein
nehmen! Ein im Grunde großartiges Geschenk – was zu erklären,
aber eben gar nicht einfach ist.
Denn in jemandem sein, in ihm drin – wie soll man das verstehen?
Wenn Paulus sagen würde, dass wir “mit” Christus oder “bei”
Christus sein sollen – das könnte man noch irgendwie aus unserer
alltäglichen Erfahrung her erklären. Denn “mit” Christus zum
Beispiel kann man mitarbeiten. Oder mitdenken. Oder in geistiger
Weise bei ihm sein. Aber “in” ihm sein?
Das Bild des Leibes
Eine Hürde, die dabei zu überspringen ist, besteht darin, dass
es hier um etwas geht, was man anscheinend nur mit den Augen des Glaubens
fassen kann. Und weswegen Paulus auch ganz verschiedene Bilder gebraucht,
um uns diese Realität irgendwie näher zu bringen. Sein hilfreichstes
Bild, so scheint mir jedenfalls, ist der Vergleich mit dem menschlichen
Leib. Paulus erklärt ja nicht nur einmal in seinen Briefen, dass
die Gläubigen mit Christus und untereinander so etwas wie einen Leib
bilden, eine organische Einheit. Ein Leib mit vielen Gliedern. Und Jesus
ist da sozusagen das Haupt, der Kopf, und sein Leib: Das ist die Gemeinschaft
der Gläubigen (vgl. Eph 1,22f; 2,16; 4,4; Röm 12,5; 1 Kor 12,12-27;
Kol 1,18.24; 2,19; 3,15). Wir, die Gläubigen sind gewissermaßen
die Glieder des Leibes Jesu.
Nun, was ist so besonders an diesem Bild?
Für jeden Leib, ja, für jeden lebendigen Organismus,
ist es kennzeichnend, dass nur dann ein Glied zum Ganzen gehört,
wenn das einzelne Glied an der gemeinsamen Lebenskraft teilhat. Also,
meine Hand zum Beispiel: Die kann nur dann ein Teil von mir sein, wenn
sie nicht einfach nur an mich “heranschraubt” ist wie eine Prothese zum
Beispiel, sondern sie muss auch belebt sein, durchzogen vom Geist und
der Lebenskraft meiner Person. Nur dann ist sie auch tatsächlich
ein lebendiger Teil meines Leibes und meiner Person. Sie ist dann
sozusagen “in” meine Person eingegliedert. Sie ist dann nicht mehr bloß
“bei” mir oder “mit” mir, sondern sie ist “in” meine Person eingegliedert.
Sie ist ein wirklicher Teil von mir und in diesem Sinne “in” mir.
Meine Hand, die bin ich deswegen auch selbst! Und wenn meine Hand zum
Beispiel krank sein sollte, dann ist nicht nur meine Hand krank, sondern
dann bin ich krank! Denn sie ist ein lebendiger Teil von mir. Sie
gehört zu mir.
Paulus sagt nun: Ähnlich wie der menschliche Leib aus Haupt und Gliedern
besteht, so auch der Leib Christi. Christus ist das Haupt und wir, als
Christen, sind in seinen Leib eingegliedert, und zwar deswegen, weil wir
nicht nur irgendwie an ihn “`rangepappt” worden sind, sondern weil wir
durchzogen sind vom Geist und der Lebenskraft Christi. Da ist ein
Geist, der Geist Christi, der Heilige Geist, der von Jesus
ausgeht und in den Gläubigen lebt und sie so zu seinem Leibe macht.
Der Geist geht von Jesus aus und durchzieht seine Jüngerinnen und
Jünger in einer Weise, die sie besonders mit ihm vereint.
Und insoweit wir als Jüngerinnern und Jünger Jesu an dieser
besonderen Gegenwart des Geistes teilhaben, können wir sagen, sind
wir ein Teil seines Leibes und sind dadurch “in” seine Person eingegliedert:
“In Christus”!
“In Christus!”
Mir scheint, so kann man noch am ehesten erklären, was es bedeutet,
“in Christus” zu sein. Es ist das Bild vom “mystischen Leib”, in den wir
eingegliedert sind. Aber welches Bild man auch immer nutzt: Was dahinter
steckt und worauf es ankommt, das ist, dass wir ausgestattet sein sollen
mit einer tiefen spirituellen Verbundenheit mit Jesus, die sich dadurch
auszeichnet, dass wir in einer besonderen Weise an seinem Geist teilhaben.
Paulus sagt:
Wenn jemand auf dieser geistigen, unsichtbaren Ebene, mit Christus verbunden
ist, “in Christus” ist, “dann ist er eine neue Schöpfung.
Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden!” (2 Kor 5,17).
“Neues ist geworden!”
Da will Gott uns also mit einer ganz neuen Art von Leben beschenken, etwas
neues schaffen, er will uns mit sich selbst beschenken, und er wird dabei
in neuer tiefer Weise in uns gegenwärtig.
Nun, mir ist bewusst, dass das, was ich hier erzähle, für manche
Ohren ziemlich seltsam klingen mag. Und wohl auch in einer gewissen Weise
sehr diffus. Es geht ja, wie gesagt, um eine Realität, die wir zunächst
weder mit den Augen sehen, noch mit den Händen greifen, noch irgendwie
hören, geschweige denn innerlich spüren können.
Es ist ein bisschen so wie bei radioaktiver Strahlung. Verzeihen sie mir
bitte den Vergleich. Aber auch radioaktive Strahlung kann man ja erst
einmal nicht sehen, nicht schmecken, nicht hören und nicht riechen.
Und doch kann man damit kontaminiert sein. Diese Strahlung ist sehr real
und kann sogar sehr massive Auswirkungen haben.
Wenn wir sozusagen mit dem Heiligen Geist “kontaminiert” sind, dann merkt
man das in der Regel auch nicht. Und es kann dennoch, ja soll sogar, massive
Auswirkungen haben, und zwar sehr zum Guten!
Wobei; ich muss gestehen: Bei der Beschäftigung mit diesem Thema
habe ich mich auch gefragt, ob ich dieses “In Christus Sein” nicht doch
irgendwo an mir spüren kann. Muss ich da einfach nur intensiv genug
in mich hineinhören, damit ich das finde? Doch, muss man wohl sagen,
so funktioniert das nicht. Es ist und bleibt zunächst etwas auf der
rein geistigen Ebene.
Vielleicht kann man es so verständlich machen: Schon unsere ganz
natürliche Seele können wir ja nicht dingfest machen, sehen
oder greifen. Und dann wohl auch nicht die durch den Geist “veredelte”
Seele. Und trotzdem geht es um etwas Reales.
Da ist, wie auch an anderen Stellen zunächst einmal echter Glaube
gefragt. Ich denke zum Beispiel an die Eucharistie. Da ist auch Glauben
gefragt. Sehen wir, dass sich in der Eucharistie das Brot in Jesus verwandelt?
Nein! Wir müssen es zunächst einmal im Glauben annehmen. Oder
nehmen wir die Beichte: Sehen wir, dass uns in der Beichte die Sünden
vergeben werden? Nein! Wir müssen es zunächst einmal im Glauben
annehmen. Da ist Glauben gefragt. Und so auch hier, was diese neue Gegenwart
des Geistes angeht.
Gott mag uns diesen Glauben vielleicht erleichtern und erhellen, in dem
wir auf einmal ahnen oder sogar durch eine besondere Gnade innerlich tief
erfassen, dass es wahr ist. Aber mir scheint, erst einmal ist Glauben
gefragt.
Eine Erfindung des Paulus?
Weil diese Art von “mit Christus verbunden sein”, so schwer zu erfassen
ist, versucht Paulus, mit ganz unterschiedlichen Bildern diese Realität
zu beschreiben. Er spricht nicht nur vom “Leib Christi” sein, sondern
zum Beispiel auch vom “Tempel Gottes” sein, vom “eine neue Schöpfung”
sein, vom “Kind Gottes” sein, vom “ein neuer Mensch” sein, oder vom Christus
“angezogen” haben (vgl. u. a. Eph 4,24; Kol 3,10). Das sind lauter verschiedene
Bilder, die aber immer ein und dasselbe meinen: Das Leben “in Christus”.
Vielleicht mag man einwenden: Ist diese Idee von dieser mysteriösen
nicht sichtbaren, nicht riechbaren und nicht spürbaren anderen Existenz
nicht vielleicht eine Erfindung des Paulus?! “Paulus, Du bist zwar ein
Genie. Aber eben auch ein bisschen verrückt!”
Manche halten Paulus ja für total abgedreht und wahnsinnig; für
einen Exzentriker, den man lieber nicht so ernst nehmen sollte.
Also: Spinnt Paulus?
Vielleicht sollten wir einfach auf Jesus schauen und ihn, den Meister,
fragen: “Jesus, wie hast Du wohl darüber gedacht? Was hältst
Du davon, dass wir “in” Dir sein sollen? Sagst Du, dass Du mit Deinem
Geist in uns wohnen willst? Und vielleicht auch, dass wir durch die Gegenwart
Deines Geistes “in uns” neu werden?”
Und in der Tat! Wenn wir nachschauen in den Evangelien: Jesus sagt nicht
nur an einer Stelle, dass wir “in” ihm sein sollen; er sagt es wiederholt
(z.B. Joh 6,56; 14,20; 15,10; 17,20-23.26). Ja, er bittet sogar darum,
dass wir in ihm bleiben mögen:
“Bleibt in mir! – und ich bin in euch.”, so hören wir ihn, und zwar
- ganz interessant – in Zusammenhang mit der Rede vom Weinstock.
Ich vermute, Sie kennen alle dieses Gleichnis:
Da vergleicht Jesus uns einmal mit Reben, die im Weinstock stecken und
die aus dem Weinstock ihre Lebenskraft ziehen. “Ich bin der Weinstock,
ihr seid die Reben” (Joh 15,5). Da spricht Jesus indirekt davon, dass
wir über das normale Maß hinaus mit ihm verbunden sein sollen.
Wir sollen “in” ihm sein, wie lebendige Reben im Weinstock. Und
wir sollen teilhaben an der Lebenskraft, die aus dem Weinstock, aus ihm,
kommt; teilhaben an seinem Lebenssaft! Und so zu einem lebendigen Organismus
vereint sein.
Sind das nicht erstaunliche Parallelen zum Bild, das Paulus benutzt, wenn
er sagt, dass wir “in Christus” sein sollen? Beim Bild vom Leib, wie auch
beim Bild vom Weinstock geht es ja darum, dass wir mit Christus eins sein
sollen und von ihm her unsere Lebenskraft beziehen und damit eine neue
Art von Leben haben, dass es ohne diese Verbindung nicht gäbe.
Jesus sagt:
“Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Bleibt in mir! – und ich bin
in euch. Wer in mir bleibt, und in wem ich bin, der bringt reiche Frucht.
Wenn jemand nicht in mir bleibt, wird er hinausgeworfen wie die Rebe und
verdorrt.” (vgl. Joh 15,5.4.6; vgl. auch Röm 8,9)
Also, das ist nicht selbstverständlich, “in ihm” zu sein!
Jesus benutzt auch noch andere Bilder, um diese besondere Verbundenheit
mich sich selbst zu beschreiben. Er spricht zum Beispiel von der Herrlichkeit:
Vater, “die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben
[den Jüngern], auf dass … ich in ihnen bin” (Joh 17,22). Da scheint
die “Herrlichkeit” für die Anwesenheit des Geistes zu stehen.
Oder auch die Rede vom “Reich Gottes”. Jesus wird einmal gefragt: “Wann
kommt das Reich Gottes?” Und er antwortet: “Das Reich Gottes kommt nicht
so, dass man es beobachten könnte; auch wird man nicht sagen: Siehe
hier! Oder: Siehe dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter
euch.”
Man kann auch übersetzten mit: “Siehe, das Reich Gottes ist innerhalb
von euch.” (Lk 17,21)
Es ist also da. Aber nicht sichtbar! Und damit sind wir wieder bei den
Aussagen des Paulus. “In Christus” sein, dass kann man erst einmal nicht
sehen. In seinem Einflussbereich stehen, dass ist für irdische Messinstrumente
erst einmal nicht zu fassen. Und dennoch: Dort, wo sich Jesu Geist auf
uns erstreckt, “in” uns ist, da sind wir in seinem Bereich, da sind wir
in seinem “Reich”. Da ist das Reich Gottes angebrochen.
Paulus sagt: “Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern es
ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist!” (Röm
14,17) Das Reich Gottes ist die Anwesenheit und das Wirken des Geistes
in mir.
Man sieht: Paulus ist kein Erfinder oder Quacksalber! Es ist kein Spleen
von ihm, wenn er da von einer besonderen Qualität der Verbindung
mit Christus spricht, die das ganze Leben durchziehen soll. Nein, es ist
Jesus selbst, der uns darauf hinweist, dass wir eine besondere Beziehung
zu ihm haben sollen, eine irgendwie neue Qualität des Lebens, durch
seine Anwesenheit in uns.
Und halten wir das somit fest:
Gott möchte uns beschenken. Er möchte sich mit uns verbinden.
Und zwar mit einem jeden von uns. Und zwar in einer Weise, die sich grundlegend
unterscheidet von dem, wie sonst Menschen von Gott beschenkt werden oder
auch geholfen bekommen. Hier geht es um eine im Prinzip bleibende Gnade,
die wir aber auch wieder ablegen oder verlieren können, wenn wir
wollen. Aber eigentlich soll sie uns auf Dauer geschenkt sein, diese Verbundenheit
mit ihm.
Die alten Theologen haben dieses Geschenk, von der hier die Rede ist,
als die “heiligmachende Gnade” bezeichnet. Also, das ist nichts, was ich
jetzt hier vielleicht neu entdeckt hätte. Nein, aber weil es so schwer
zu erklären ist und so wenig greifbar, deswegen sprechen wir eigentlich
recht wenig darüber. “Heiligmachende Gnade!” Sie ist ein Geschenk,
das uns in unserer Tiefe mit dem Leben des Heiligen Geistes erfüllt
und uns in diesem Sinne eine besondere Heiligkeit verleiht.
Und wissen Sie was! Dieses Geschenk des Heiligen Geistes, dieses Leben
“in” Christus, ist eigentlich das, was das christliche Leben im Kern auszeichnet.
Wir bekommen als Christen in einer besonderen Weise Anteil an Gott! Und
nach allem, was wir aus der Heiligen Schrift wissen: Dieses Geschenk kann
ihnen – hier auf Erden – keine andere Religion machen!
Wozu dieses Leben “in Christus”?
Nun Sie werden an diesem Punkt vielleicht denken: “Ja, aber was ist das
für ein Geschenk, von dem ich nichts sehe und nichts spüre!
Was soll ich mit so einem Geschenk? Wenn es denn wirklich wahr ist, was
der mir da vorne erzählt. Wenn es doch ohne Auswirkungen bleibt,
dieses Geschenk, dann ist es doch für die Katz! Oder?”
Paulus beschreibt es als ein Geschenk, das uns die Tür zum Ewigen
Leben öffnet. Dadurch, dass wir ein Teil von Christus werden, ein
Glied in seinem mystischen Leibe, haben wir in der Tiefe unserer Existenz
ein unzerstörbares Leben, genauer hin das Leben Gottes. Und das heißt:
Wir werden mit Gott leben in Ewigkeit.
Also, dieses Geschenk hat durchaus Auswirkungen. Paulus beschreibt dieses
Geschenk auch als “Auferweckung” zu einem neuen Leben, das über den
Tod hinaus bleibt. Den Christen in Kollosä zum Beispiel schreibt
er einmal: “Ihr seid auferweckt worden!” (vgl. Kol 3,1; vgl. Eph 2,4-6.10).
Also, ihr seid jetzt schon auferweckt! Ihr habt im Grunde jetzt
schon das Leben der zukünftigen Welt! Wobei Paulus natürlich
nicht meint, dass sie jetzt schon in der Herrlichkeit des Himmels angelangt
seien. Nein, sie sind noch hier auf Erden. Und doch ist in ihnen irgendwie
das ewige Leben schon “erstanden”.
Es ist, wie gesagt, ein zunächst “verborgenes” Leben. Aber es wird
sich einmal offenbaren. Paulus schreibt: “Euer Leben ist mit Christus
verborgen in Gott. Doch wenn Christus, unser Leben offenbar wird [am Ende
der Tage], dann werden auch wir mit Christus in Herrlichkeit offenbar
werden” (vgl. Kol. 3,3; vgl. auch 1 Petr 1,3-5).
Von daher: Dieses neue Leben “in uns” hat durchaus gewaltige Auswirkungen
auf die Zukunft. Der Heilige Geist, der in uns wohnt, ist so etwas wie
der “Startschuss” für das Ewige Leben; oder auch eine erste “Anzahlung”
für das Kommende. So jedenfalls erklärt es Paulus in seinen
Briefen (vgl. 2 Kor 1,22; 5,5; Eph 1,14).
Ja, dieses “in Christus” sein, das ist offenbar der von Gott geplante
Weg zum ewigen Leben: Unsere Verbundenheit mit Jesus als der Weg
zum ewigen Leben! – Diese Sichtweise wird von Jesus selbst bestätigt.
Er sagt ja von sich: “Ich bin die Auferstehung, ich bin
das Leben” (vgl. Joh 11,25) “Ich bin der Weg, … niemand kommt zum
Vater außer durch mich!” (Joh 14,6) Mit anderen Worten: “Mit mir,
Jesus, vereint zu sein, “in mir” zu sein, das ist der Weg, der
zu gehen ist. Denn ich selbst, meine eigene Person und die Vereinigung
mit mir, ist der Weg. Mit mir vereint zu sein, bedeutet ewiges Leben haben.
Denn ich bin das Leben. Mit mir vereint zu sein, bedeutet aufzuerstehen.
Denn ich bin die Auferstehung. Ich selbst bin Eure Auferstehung zum ewigen
Leben!”
Folglich kommt Paulus ganz logisch zu dem Ergebnis, dass es in unserem
Leben vor allem auf eines ankommt: Darauf, dass wir “in Christus” sind,
darauf, dass wir eine “neue Schöpfung” sind (vgl. Gal 6,15). Denn
diese ist unser Weg. Er ist unsere Brücke zum ewigen Leben. Er sagt:
“Niemand kommt zum Vater, außer durch mich!” (Joh 14,6)
Die Taufe ist der Beginn dieses neuen Lebens!
Wenn man das alles einmal gehört hat, dann stellt sich natürlich
die Frage: “Wie komme ich zu diesem Leben “in Christus”? Wie komme ich
zu dieser grundlegenden inneren Verbindung mit ihm?” Und leider muss ich
sagen, dass uns die Heilige Schrift auf diese so wichtige Frage eine mehrteilige
Antwort gibt, die leider wieder nicht so ganz unkompliziert ist!
Aber haben wir bitte Nachsicht damit! Auch ein Auto zum Beispiel ist kompliziert
zu erklären, wenn man einmal ins Detail geht. Oder auch das Ökosystem.
Oder erst recht der Mensch an sich. Und wenn nun schon diese irdischen
Dinge nicht leicht zu erklären sind, warum sollte es bei den göttlichen
so viel anders sein?!
Ich will versuchen, es möglichst kurz zu machen. Wie kommen wir zum
Leben in Christus? Schauen wir dazu in die Lesung, die wir vorhin gehört
haben. Paulus sagt da:
“Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes/Töchter
Gottes in Christus Jesus.” (Gal 3,26)
“Durch den Glauben!” sagt er.
Und das ist wohl ganz sicher ein erster wichtiger Aspekt, um “in” Christus
zu sein: Der Glaube. Jesus bestätigt an anderer Stelle dass jeder,
der an ihn glaubt, ein Leben bekommt, das über den Tod hinaus
reicht. Er sagt: “Jeder der an mich glaubt, wird leben, auch wenn
er gestorben ist.” (vgl. Joh 11,25) Und man könnte nochmals Paulus
ergänzen, der sagt: “Wenn Du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst
und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt
hat, so wirst du errettet werden” (Röm 10,9).
Also, da ist erst einmal der Glaube an Jesus gefragt. Und Glaube heißt
hier, dass ich Jesu Botschaft annehme und nach seinem Willen zu leben
suche. Und dazu gehört aber – und jetzt kommt`s – dass ich mich auch
taufen lasse! Der Glaube beinhaltet, wenn er echt ist, dass ich
mich taufen lasse. Der Glaube drängt zur Taufe. Und die Taufe ist
es dann eigentlich, die uns das neue Leben in Christus schenkt.
Paulus sagt in der heutigen Lesung nicht nur:
“Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes/Töchter
Gottes in Christus Jesus”, sondern ergänzt sofort und erläutert:
“Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus
angezogen.” (Gal 3,27)
Also, es ist genauer hin die Taufe, die uns mit dem Leib Christi vereint.
Und in der Tat: Entsprechende weitere Äußerungen von Jesus,
Petrus und Paulus bestätigen diese Erkenntnis. Die Taufe ist es eigentlich,
die uns das “Leben in Christus” schenkt (vgl. z. B. Apg 2,37f, Joh 3,5;
1 Petr 3,21).
Natürlich, bei erwachsenen Menschen gehört da unbedingt der
Glaube dazu, damit der Segen der Taufe auch wirksam werden kann (vgl.
Kol 2,12; Mk 16,16 und Joh 11,26: Jeder, der “lebt” (Kraft der Taufe)
und glaubt wird gerettet werden.) Aber bei der Kindtaufe?! Bei
einem Kind ist es erst einmal die Taufe allein, die ihm das Leben
in Christus ermöglicht.
Ich weiß nicht, wann Sie das letzte Mal an einer Tauffeier teilgenommen
haben. Oft ja einer Kindertaufe. In der Regel ist das ein sehr schönes
Familienfest. Ein frohes Ereignis, weil ein kleines Kind im Mittelpunkt
steht. Und es hat irgendwie etwas Besonderes, wenn dann dieses kleine
Kind mit Wasser übergossen wird. Das ist eine wunderbare Zeremonie,
die aufgrund ihrer Gebete auch Geheimnisvolles in sich birgt. Man spürt:
Dieses Kind wird jetzt Gott anvertraut. Man bekommt in der Regel zugesagt,
dass sich Gott nun dieses kleinen Kindes in besonderer Weise annehmen
wird. Und auch, dass es durch die Taufe nun in die Kirche aufgenommen
ist.
Und doch: Ob uns wohl immer auch vor Augen steht, dass sich Jesus im Moment
der Taufe in existentieller Weise mit diesem Kind vereint? Es mit seinem
eigenen Leben belebt und “bekleidet”?
Am Ende der Tauffeier wird dem Täufling ein weißes Taufkleid
überreicht, manchmal wird es auch angezogen. Oder es wird auf das
bereits angezogene weiße Taufkleid hingewiesen. Folgende Worte werden
da gesprochen:
“Patrick, oder Anna – oder wie auch immer das Kind heißen mag (…
und wir als Getaufte dürfen unseren Namen da mit hineindenken …)
- in der Taufe bist du eine neue Schöpfung geworden und hast – wie
die Schrift sagt Christus angezogen. Das weiße Gewand sei
dir ein Zeichen für diese Würde. Bewahre sie für das ewige
Leben!”
Ich lade Sie ein, das nächste Mal, wenn Sie an einer Tauffeier teilnehmen,
mit diesen Augen das Geschehen zu betrachten. Wir feiern ein großes
Geschenk; das auf Erden eigentlich größte Geschenk: Teilhabe
am Leben Gottes. Ein Geschenk, ein Sakrament, das uns Christen
so wichtig ist, dass wir sagen, dass es im Notfall von jedem Menschen
gespendet werden kann. Im Notfall braucht man dazu keinen Geistlichen,
sondern jeder kann und darf dann taufen.
Denn in der Taufe werden wir echte Kinder Gottes, in dem Sinne, dass wir
nun ein Teil von Jesus sind. Und der ist der Sohn Gottes. Und da wir nun
“im” Sohn sind, sind wir ein Stück weit, wie Jesus auch, Kind Gottes.
Manchmal sagen wir ja, dass alle Menschen geliebte Kinder Gottes
sind. Das gilt durchaus, und zwar in dem Sinn, dass Gott uns alle erschaffen
hat und uns alle liebt. Aber es gibt da eben nochmals diese besondere
Erwählung zur Kindschaft, bei der uns Gott schon jetzt auf Erden
etwas von der Tiefe jener Beziehung schenkt, die eigentlich erst für
den Himmel gedacht ist.
Wir können diese Beziehung zunächst einmal nicht sehen und nicht
anfassen. Wir können sie nur mit den Augen des Glaubens annehmen.
Aber, haben wir Mut, dies zu tun!
Jesus selbst ermutigt uns dazu. Er sagt einmal, dass wir wiedergeboren
werden müssen, wenn wir in sein Reich wollen; dass wir “neu” geboren
werden müssen: “Amen, Amen, ich sage … , wenn jemand nicht aus Wasser
und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen”
(vgl. Joh 3,3.5).
Aus “Wasser” und “Geist” müssen wir neu geboren werden!
Das ist die Taufe. Und das ist der normale Weg, den er für uns vorgesehen
hat. Er mag wohl noch andere Wege haben. Aber das ist jedenfalls der normale
Weg, den er uns weist. Die Taufe mit Wasser. Sie gibt uns Anteil an Jesu
Geist. Sie ist ein Bad der Wiedergeburt, sie ist das “Bad der Wiedergeburt,
sie ist das Bad der ‚Erneuerung im Heiligen Geist’”, so sagt Paulus einmal
(vgl. Tit 3,5; vgl. auch Röm 6,3ff; 1 Kor 12,13; Apg 22,16; Kol 2,11-14;
1 Petr 3,20f).
Kein Wunder also, dass in all den Jahrhunderten die Taufe als so wichtig
angesehen wurde. Und weswegen zum Beispiel manche von Ihnen sich als Großeltern
vielleicht auch heute Sorgen machen, ob denn ihre Enkelkinder noch getauft
werden. Denn hier geht es um ein großartiges Geschenk, das Gott
uns macht, und das wir keinem ohne Grund vorenthalten sollten.
Ein Geschenk, das allerdings aber auch nur dann wirklich Sinn macht, wenn
es auf Dauer persönlich angenommen und gelebt wird; wenn also das
Potential, dass uns da gegeben wird, auch Chancen hat, entfaltet zu werden
und Frucht zu bringen.
Die Taufe ist nicht alles. Ich muss auch danach leben, um es zu entfalten.
Lassen Sie mich damit zu einem abschließenden Aspekt kommen.
Jesus sagt in seinem Gleichnis vom Weinstock: “Wer nicht in mir bleibt
und keine Frucht bringt, wird wie die Rebe herausgeworfen und verdorrt.”
(vgl. Joh 15,1-6) Und das bedeutet ja wohl: Die Taufe nutzt nichts, die
Eingliederung in Christus nutzt nichts, wenn ich das Leben “in Christus”
nicht auch pflege und entfalte (vgl. 1 Kor 10,1-6; 2 Tim 2,12). Sie nutzt
nichts, wenn ich nicht auch in Christus bleibe. Bei aller Wichtigkeit
der Taufe und im Übrigen auch aller anderen Sakramente, sie entlasten
mich nicht davon, mich auch aktiv um ein geistig fruchtbares Leben mühen
zu müssen. Wenn ich nicht nach dem Willen Gottes lebe, wenn ich Sachen
mache, die nicht durch den Geist in mir gedeckt sind, dann kann dieses
besondere Geschenk des Geistes auch wieder verloren gehen.
Von daher: Das Geschenk des “Lebens in Christus” ist auch eine Verpflichtung.
Wir haben Christus in der Taufe angezogen und sind nun verpflichtet, uns
diesem neuen Gewand entsprechend zu verhalten.
Ein Vergleich:
Wenn man heiratet, dann wird man in der Regel wunderschön eingekleidet.
Mit einem Brautkleid, strahlend weiß; oder mit einem schicken Anzug.
So eine Kleidung verpflichtet. Damit geht man nicht auf den Acker oder
in den Garten, um dann im Dreck zu wühlen. Solche Arbeit würde
unser neues Kleid schmutzig machen. Wollten wir uns wieder dem Misthaufen
zuwenden, dann können wir das Hochzeitsgewand nicht anbehalten. Denn
dann würden wir uns dieses Gewandes als nicht würdig erweisen.
Von daher müssen wir uns schon entscheiden: Entweder Hochzeit oder
Misthaufen. Beides gleichzeitig geht nicht.
“Kein Diener kann zwei Herren dienen!”, sagt Jesus.
Und auf diesem Hintergrund schärft Paulus seinen Lesern immer wieder
ein: Bitte! Ändert euer Denken! Ihr seid doch mit der Taufe sozusagen
aus dem Bannkreis der Gottesferne befreit worden! Ihr seid wiedergeboren.
Ihr seid auferstanden. Ihr habt Christus angezogen, wie ein Hochzeitgewand.
Ihr gehört jetzt dem Herrn. Also, lebt auch danach, damit ihr diesen
Schatz nicht verliert! (vgl. Röm 6,4; vgl. auch 4,6). Begreift euch
als Menschen, so sagt er einmal, die “für die Sünde tot sind,
aber leben für Gott – in Jesus Christus” (Röm 6,11). “Ihr seid
doch mit Christus auferweckt, darum strebt nach dem, was im Himmel ist”
(Kol 3,1-4; vgl. auch: Röm 6,12-14.22; 2 Kor 5,15; Gal 4,19; 5,24-25;
Eph 4,21-24; 1 Petr 2,24)
Und dazu stellt er uns die Auferstehung Jesu als eine Art Vorbild hin.
Nach dem Motto:
So wie Jesus am Ostertag mit einem ganz neuen Leben sichtbar auftrat,
so soll vergleichsweise auch das neue Leben, das wir in der Taufe erhalten
haben, in unserem Tun, Reden und Denken sichtbar aufstrahlen und
konkret werden: “Wie Christus von den Toten auferweckt wurde”, so schreibt
er einmal, “so sollen auch wir als neue Menschen leben” (Röm 6,4;
Röm 6,10-11). Das verborgene neue Leben soll sichtbar werden. Wir
sollen Christus nicht nur innerlich angezogen haben, sondern auch äußerlich
Gestalt werden lassen (vgl. Gal 4,19; Röm 13,14).
Er sagt: “Da ihr nun den Christus Jesus, den Herrn, empfangen habt, so
wandelt [auch] in ihm!” (Kol. 2,6) Oder ein andermal: “Wenn wir
[nun] durch den Geist leben, so lasst uns auch durch den Geist wandeln!”
(Gal 5,25) Also, bitte: Nutzt das Potential, das in euch ist!
Da gibt es Möglichkeiten der Entwicklung und der Entfaltung.
Noch einmal ein Vergleich:
In der Taufe erhalte ich ein Geschenk, das ist auch ein bisschen wie ein
kleines Baby. Auch dieses neue Leben “in mir” will umsorgt werden. Beide,
sowohl das natürliche, wie auch das innere übernatürliche
Leben brauchen Sorge und Zuwendung, Liebe, Geduld und Pflege. Und wenn
es heranwächst braucht es Führung, Unterweisung und Training.
Nur so entwickelt sich auch das innere Leben, wird geübter, umsichtiger
und stärker, wird erwachsen und kann schließlich sogar wieder
anderen dienen. Der Einfluss des Heiligen Geistes auf uns kann sich und
soll sich entwickeln. Ich muss lernen, ihm Raum zu geben. Ich muss lernen,
nach Gottes Plänen zu leben, aber auch lernen, den Eingebungen des
Geistes in mir folgen und auf seine “innere Stimme” zu hören.
Das soll wachsen und stark werden: “Sei stark in der Gnade, die in Christus
Jesus ist!” – so schreibt Paulus einmal einem seiner Schüler (2 Tim
2,1; vergl. 1 Kor 16,13; Eph 6,10; 4,16; Gal 4,19).
Was wir in der Taufe erhalten haben, entfaltet sich nicht von allein.
Es muss genährt werden, zum Beispiel durch das Gebet, also durch
das persönliche Gespräch mit Gott. Es muss gefördert werden
durch gute geistige Information und durch die Heilige Schrift. Es wird
im Besonderen gestärkt durch die Heiligen Sakramente, insbesondere
die Eucharistie. Die Beichte ist eine sehr wichtige Form der Reinigung,
oder gar der Wiedergewinnung dieses Lebens, falls es einmal verloren gegangen
sein sollte. Und die Gnade der Firmung vervollständigt diese geistige
Grundausstattung, braucht aber selbst auch wieder eine praktische Entfaltung
und Einübung.
Bei all dem geht es um ein Wechselspiel zwischen unserem Dazutun
und dem Wirken des Geistes in uns. Auf der einen Seite ist es wichtig,
dass wir uns mühen um ein heiliges Leben – etwas, was ja eigentlich
großartig ist: heilig mäßige Menschen sein zu wollen.
Das ist doch etwas Herrliches! Auf der anderen Seite ist es der Geist,
der uns entgegenkommt, uns anstößt und in uns vollendet, was
er in uns begonnen hat. Glaube, Hoffnung, Liebe, das Leben aus dem Heiligen
Geist, all das wächst erst heran, wenn wir auch selbst danach suchen,
aus dem Geiste zu leben.
Und wenn wir das tun, dann bringt das wunderbare spirituelle Früchte.
Paulus sagt: “Die Frucht des Geistes … ist Liebe, Freude, Friede, Langmut,
Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung” (Gal 5,20;
vgl. auch Joh 17,26, Röm 5,5). Innere Erkenntnis, kann man ergänzen
(vgl. Röm 8,16; 1 Kor 2, 2 Kor 3,18), und verschiedene andere Gnadengaben,
von denen Paulus da und dort spricht. Der Heilige Geist hilft uns, gut
zu sein und zum Werkzeug Gottes zu werden. Das Gute machen wir auf einmal
gerne und leicht. Gerade in den Biographien so mancher heiliger Frauen
und Männer finden wir das in leuchtender Weise wieder.
Und da merkt man auf einmal, dass die Rede vom Leben “in Christus” nicht
nur etwas Unsichtbares ist. Es ist wie Grundwasser, das man
nicht sieht. Doch auf Dauer lässt es an der Oberfläche sichtbar
neues Leben sprießen.
Da sind wir als Christen aufgerufen, uns redlich, sozusagen an der Oberfläche,
um ein christliches Leben zu bemühen. Das Wachstum aber wird Gott
schenken, aus einer Quelle, die wir nicht fassen können (vgl. 1 Kor
3,6).
Schluss
Wir haben jetzt tief gebohrt!
Ich wünsche uns allen dieses Wachstum “in Christus”.
Wir gehen gerade auf Ostern zu. Das ist ja das Fest, an dem wir feiern,
wie Jesus uns Menschen dieses neue Leben geschenkt hat. Mögen wir
an diesem Fest dankbar und voller Freude auf ihn schauen, der uns so wunderbar
bekleidet
- mit sich selbst!
Amen. |