Gedanken zu Bildern
1. Bild – Die Welt hängt in der Luft – Montage eines Kabels in
schwindelerregender Höhe (Frankfurter Allgemeine)
Seit geraumer Zeit ist die weltweite Bankenkrise und ihr Bestehen d a
s Thema in den Medien. Es geht um den Verlust von riesigen Vermögenswerten.
Unsere Informa-tionen reichen von der Ratlosigkeit der Experten angesichts
der Abgründe der Finanz-welt bis zu Vertrauen weckenden Maßnahmen
der Politiker überall aus der Welt. Sie versichern uns, durch ihr
Eingreifen und durch ihre Maßnahmen würden sie die Krise abfedern,
erträglicher machen. Und wir ahnen, es geht um Millionen betroffener
Men-schen, die ihr Erspartes, ihre Vermögenswerte dahin schwinden
sehen. Die Sicherhei-ten für das Alter, die Bewahrung von erarbeiteten
Werten zu Gunsten der nächsten Generation sind nicht mehr da, alles
ist geschwunden, ohne dass die Eigentümer es bemerkt haben. Sie haben
anvertraut und vertraut, und geblieben ist Entsetzen, Rat-losigkeit und
ohnmächtiger Zorn. Und eine undefinierte Angst scheint über
uns Allen zu liegen, ob wir irgendwann auch zu den Betroffenen gehören
werden.
Der Apostel Paulus spricht von den “Leiden der gegenwärtigen Zeit”
und von “Seuf-zen oder Stöhnen der Kreatur”.
2. Bild – Flüchtlingsschicksal – eine Familie auf der Flucht (Süddeutsche
Zeitung)
Auf der Vorderseite der Zeitung war das Bild Hinweis auf menschliche Tragödien
in Afrika. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. Wie immer die
Gründe für das Verlassen der Heimat sein mögen. Menschen
fürchten um ihr Leben. Sie verlassen ihr Haus und ihr Land, das sie
ernährte, und suchen eine neue Bleibe in einer fremden Umgebung.
Die Kinder müssen ihr sicheres Zuhause verlassen, wo sie in der Schule
gehen durften, wo sie im Zusammenhang mit anderen Kindern sich erproben
und entfalten konnten.
Hinter all dieser Not und der Unsicherheit unzähliger Menschen auf
der Flucht, ver-birgt sich das Böse, das Satanische, in der Gestalt
von Diktatoren und Soldaten, von aufgehetzten und fanatisierten Leuten.
Es regieren Hass, Mordlust, Vergewaltigung. Wenige Mächtige setzen
sich absolut und machen ihre Mitmenschen, für die sie Ver-antwortung
tragen, zu Opfern.
Paulus spricht im Römerbrief vom Seufzen und Aufstöhnen der
Kreatur.
3. Bild – Verbrannte Existenz – Haus und Hof eines Autohändlers
(Süddeutsche Zeitung)
In Australien sprechen die Medien von der größten Naturkatastrophe
seit Menschen- gedenken. Sie erinnern auch daran, dass sich nun die Natur
räche, weil sie über eine lange Zeit bedenkenlos ausgeplündert
wurde. Die Natur hat ihre innere Balance verlo-ren. Unter den Worten Klimawandel
und Umweltkatastrophen verbirgt sich die Ge-schichte eines unbedachten
und rücksichtslosen Umgangs des Menschen mit seiner natürlichen
Umgebung. Es erscheint momentan noch sehr schwer, ihn zur Einsicht und
effektiver Umkehr zu bringen.
“Wir wissen, dass die ganze Schöpfung allzumal stöhnt und allzumal
in Wehen leidet bis zum Jetzt.” übersetzt Fridolin Stier (Röm
8,228) unseren Text der Besinnung.
Römer 8,18-22
Ich schätze, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit
in keinem Verhältnis stehen zu der künftigen Herrlichkeit,
die sich an uns offenbaren wird.
Denn die ungeduldige Sehnsucht der Schöpfung
harrt auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes.
Wurde doch die Schöpfung der Nichtigkeit nicht mit freiem Willen
unterworfen,
sondern durch den, der sie unterwarf, mit der Hoffnung,
dass auch sie, die Schöpfung, vom der Knechtschaft der Vergänglichkeit
befreit werde zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes.
Wir wissen ja,
dass dies gesamte Schöpfung bis zur Stunde seufzt und in Wehen liegt.
Liebe Schwestern und Brüder,
Sie haben den Abschnitt des Römerbriefes gehört, innerhalb dessen
das Zitat vom Stöhnen der gesamten Schöpfung, der Überschrift
unserer Fastenpredigt, steht.
Dieser Text beginnt ja mit einer erstaunlichen These:
Das Leiden der gegenwärtigen Zeit steht in keinem Verhältnis
zu der künftigen Herr-lichkeit, die an uns offenbar werden wird.
Kurz gesagt: Alles Leid ist begrenzt, und es ist die Vorstufe zur Herrlichkeit.
Wenn Paulus von der gegenwärtige Zeit spricht, dann meint er die
Zeit von Jesu Ster-ben und Auferstehen einerseits und seinem Kommen in
Herrlichkeit am Ende der Tage andererseits. Diese Zeit, die Jetztzeit,
ist voller Leiden. Mit diesem Leiden identifi-ziert sich Jesus Christus,
wenn es in Christus, um Christi willen und für Christus ge-schieht,
d.h. wann immer gelitten wurde und gelitten wird, ist Jesus, der leidende
Herr und Erlöser nahe. Er kann im Leid angesprochen werden.
Der zweite Teil der These, die Paulus aufstellt, hat ihren Grund in der
Zuversicht und der begründeten Hoffnung, dass die zukünftige
Herrlichkeit – sie bleibt undefiniert – über uns und auf uns herab
kommt. Sie wird uns aufzunehmen in Gottes Herrlichkeit und uns mit Jesus
Christus bei Gott, unserem Vater, verklärt und verherrlicht sein
lassen.
Paulus kann so argumentieren, weil er im Kontext vorher den Begriff der
Kindschaft, der menschlichen Anwartschaft auf die himmlische Herrlichkeit,
entwickelt hat. Dabei greift Paulus auf eine jüdische Schrift, die
Jubiläen, zurück. (1,23f).
In diesem Buch spricht Jahwe: “Ich werde ihnen schaffen einen heiligen
Geist… Sie werden mein Gebot tun. Und ich werde ihnen Vater sein, und
sie werden meine Kinder sein.”
Dieses Kind sein ist kein statischer Zustand. Es ist ein dynamisches Geschehen
wäh-rend eines ganzen Lebens.
Durch die Taufe wird uns im Heiligen Geist Anteil an Jesu Leiden und Sterben,
aber auch an seiner Erhöhung und Verherrlichung geschenkt. Wir werden
- bildhaft gespro-chen – in Jesu Leben und Herrlichkeit eingetaucht.
Diese enge Verbindung mit Jesus beruht auf dem Wirken des Heiligen Geist
in uns. Er ist der Geist, der leitet und führt, der uns Gott ‚Abba’
, Vater, nennen lässt, der uns Worte finden lässt, um in rechter
Weise mit dem Vater sprechen zu können.
Wer sich vom Geist Gottes führen lässt, ist Tochter, ist Sohn
Gottes. Wer Sohn oder Tochter Gottes ist, ist auch Miterbe mit Jesus.
Das berechtigt uns jetzt schon, an die künftige Herrlichkeit zu denken,
obwohl wir jetzt noch in einer vom Leid geprägten Welt leben und
aus dem Glauben heraus unser Leiden als Mitleiden mit Christus interpretieren.
So leben wir in der Kraft des Heili-gen Geistes unser Kind sein. Aber
drüber hinaus bewirken Gedanken der zukünftigen Herrlichkeit
jetzt schon Kraft oder Trost in der Drangsal.
Innerhalb dieses Zusammenhangs spricht Paulus vom Stöhnen und Seufzen
der gesam-ten Schöpfung.
Die Fotos, die wir zu Anfang angeschaut haben, hatten ja die Funktion,
uns das Stöh-nen der Schöpfung vor Augen zu führen.
Paulus sagte: “Wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zur Stunde
seufzt und in Wehen liegt.”
Für Paulus ist alle Schöpfung Werk Gottes. Der Mensch ist die
Krone der Schöpfung. Er steht nicht der Schöpfung gegenüber,
er ist ein Teil der Schöpfung. Das Wirken und Handeln des Menschen
hat somit Einfluss auf die Schöpfung. So leidet auch sie unter der
Folge der Widersetzlichkeit Adams gegenüber Jahwe.
Die Leidensgemeinschaft zwischen Mensch und Schöpfung ist weiterhin
darin begrün-det, dass Menschen die Vergänglichkeit mit der
Schöpfung teilen. Der Mensch ist ver-sklavt unter die Vergänglichkeit,
so auch die Schöpfung. Der Mensch wird durch das Leiden und die Verherrlichung
Jesu von der Versklavung unter die Vergänglichkeit befreit, obwohl
er in diesem Leben zeitweise noch darunter zu leiden hat.
Es bleibt in diesem Text bei Paulus unklar, wer den Menschen und die Schöpfung
dem Gesetz der Vergänglichkeit unterworfen hat. War es Gott oder
war es der Mensch? Man könnte für unsere Zeit festhalten. Unser
Lebensraum, die Erde, leidet unter der Ausbeutung und Zerstörung
des Menschen. Menschen haben sich in den Ablauf der Natur dermaßen
eingemischt, dass irreparable Schäden entstanden sind. Menschlich
gesehen hätte die Natur allen Grund zu seufzen und zu klagen.
Der Mensch sollte ja nach dem Willen Gottes über die Schöpfung
herrschen oder wie wir es heute verstehen, der Mensch sollte die Schöpfung
verwalten, entwickeln und bewahren. Die außermenschliche Schöpfung
trägt ja am Sündenfall des Menschen oder durch ihr ausgebeutet-werden
keine Schuld. Wurde sie daher gegen ihren Willen auf Hoffnung hin unterworfen,
wie es der Text ausspricht? Hier fehlt bei Paulus die klare Antwort.
Im Text wird schließlich von Wehen gesprochen. Das Leben beginnt
mit Schmerzen und endet in der Regel mit Schmerz. Je ausgeprägter,
differenzierter das Leben ist, um stärker wird es wohl den Schmerz
spüren. Ein Stein leidet nicht, eine Pflanze schon eher, Tiere und
Menschen am meisten.
Es wären daraus verschiedene Folgerungen zu ziehen.
Die christliche Antwort könnte so lauten:
Wenn Schmerz und Vergänglichkeit, wenn das Wissen um den Tod, Anteile
des per-sönlichen Lebens sind, dann könnte all der Schmerz und
auch der beim Sterben dazu dienen, dass wir teilhaben am Leiden Jesu Christi.
Wenn der Sinn des schmerzhaften Seins in der Welt jeder Mensch ist, der
um keinen Preis verloren gehen darf, dann könnte die eigentliche
Tat Gottes darin bestehen, dass er bewahrt.
Wenn Gott den Schmerz nicht verhindern will, denn er gehört zum Wesen
der Schöp-fung, dann wird er die so Gezeichneten wie Jesus Christus
bewahren und auferwecken. Dann ist aller Schmerz wie Wehen, eine Station
vor der Freude über das endgültig gewonnene Leben.
Fragen wir “Warum ist das alles zu grausam, so teuer erkauft?”, dann gibt
es keine zu-frieden stellende Antwort.
Stellen wir die Frage “Wozu das Leiden?”, dann sagt uns Paulus: Wehen
sind dazu da, dass neues Leben entstehen kann. Das Leiden der Welt ist
wie Wehen. Das Ziel aller Schmerzen ist die unverbrüchliche Bewahrung
durch den Schmerz hindurch, damit Leben sich entfalten kann.
Der Apostel Petrus erinnert in seinem Brief an die Gemeinde in Kleinasien
- als Trost in der Bedrängnis – an das Ende der Leiden und die Verwandlung
der Schöpfung am Ende der Tage. Er spricht von einem “neuen Himmel
und einer neuen Erde, worin Gerechtigkeit wohnt.” (2 Petr 3,13)
Je nach Stimmungslage zwischen Trotz und Triumph schwankend kann man das
Wort der Apokalypse verstehen: (Apk 21,4-5a)
“Und er wird abwischen jede Träne von ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
auch keine Trauer, kein Klageschrei, keine Mühsal wird es mehr geben,
denn das Frühere ist vergangen.”
Auch das ist unser Glaube.
Literatur:
Herders theologischer Kommentar zum NT, Der Römerbrief
EKK, Der Brief an die Römer
Klaus Berger, Die Briefe des heiligen Apostel Paulus